In vielen Tamil Familien gehören Vergleiche zur Kindheitserfahrung.
Vergleiche mit Geschwistern, Cousins, Nachbarskindern oder den Kindern von Bekannten.
Diese Praxis ist selten Ausdruck von Lieblosigkeit. Sie ist historisch und strukturell gewachsen.
Tamil Gesellschaften waren über lange Zeit von:
geprägt. In solchen Kontexten steht nicht Selbstentfaltung im Vordergrund, sondern Überleben.
Psychologische Erziehungskonzepte, wie sie heute bekannt sind, konnten sich unter diesen Bedingungen in der Tamil Gesellschaft kaum entwickeln oder verbreiten.
Mit Migration in europäische Länder, wie Schweiz, Deutschland oder Österreich, verstärkte sich diese Dynamik häufig. Tamil Eltern in der Diaspora bewegten sich in Systemen, die ihnen fremd waren. Bildung, Sprache, soziale Normen und institutionelle Erwartungen waren neu und oft schwer durchschaubar. Gleichzeitig waren sie mit strukturellem Rassismus konfrontiert und trugen die Verantwortung, ihren Kindern einen sicheren Platz in dieser Gesellschaft zu ermöglichen.
In diesem Spannungsfeld wurden Vergleiche zu einem Mittel, um sich in einer unsicheren Umgebung zu orientieren. Wenn Bildungswege, gesellschaftliche Regeln und Zukunftsperspektiven schwer einschätzbar sind, entsteht ein Bedürfnis nach greifbaren Anhaltspunkten. Der Vergleich mit anderen Kindern, Familien oder Biografien bot eine solche Orientierung. Er zeigte, was in diesem neuen System scheinbar funktionierte, welche Entscheidungen als richtig galten und welche Leistungen Anerkennung brachten. Gleichzeitig vermittelte er Eltern ein Gefühl von Kontrolle in einer Situation, in der vieles unüberschaubar und kaum steuerbar war.
Kinder ziehen aus Vergleichen selten die beabsichtigte Motivation. Stattdessen verinnerlichen sie häufig folgende Botschaften:
Psychologisch entsteht ein externalisiertes Selbstwertgefühl. Der eigene Wert wird nicht als stabil erlebt, sondern als abhängig von Bewertung.
Im Erwachsenenalter werden die äusseren Vergleiche leiser, verschwinden jedoch nicht. Sie werden verinnerlicht. Viele Betroffene erleben einen starken inneren Bewertungsdialog, der sich besonders in Situationen emotionaler Nähe zeigt. Beziehungen und Partnersuche aktivieren diese Muster häufig besonders intensiv. Dort, wo Bindung entsteht, wird auch das früh erlernte Bewertungssystem reaktiviert.
In der Partnersuche bzw. beim Dating zeigt sich dies oft als ständiges Hinterfragen der eigenen Genügsamkeit, als Angst, austauschbar zu sein, oder als übermässige Selbstbeobachtung. Manche Menschen vergleichen sich unaufhörlich mit anderen, andere ziehen sich früh zurück, um sich vor möglicher Abwertung zu schützen. Wieder andere passen sich stark an, vermeiden Konflikte oder stellen die Bedürfnisse des Gegenübers über die eigenen. Dating wird so weniger zu einem Raum der Begegnung und mehr zu einem Feld innerer Prüfung.
Wichtig ist die Differenzierung:
Es ist kein „tamilisches Wesen“, sondern eine historisch bedingte Anpassungsleistung.
Veränderung beginnt nicht mit dem Versuch, diese Muster sofort abzulegen. Sie beginnt mit Verstehen. Wenn Menschen erkennen, dass ihr innerer Vergleichsdruck eine Geschichte hat, verliert er einen Teil seiner Macht. Reflexion ermöglicht Abstand. Therapeutische Ansätze, die mit frühen Bindungserfahrungen, Selbstmitgefühl und körperlicher Wahrnehmung arbeiten, können dabei hilfreich sein. In akuten Situationen, in denen Dating starke Selbstwertkrisen oder Rückzug auslöst, kann professionelle psychologische Unterstützung sinnvoll und stabilisierend wirken.
Heute dürfen wir prüfen, welche dieser Strategien uns weiterhin schützen und welche uns in Beziehungen begrenzen. Nicht im Sinne eines Bruchs mit der eigenen Herkunft, sondern mit einem tiefen Verständnis für ihre Geschichte.